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No. 14, Dec. 8, 1967, pp. 10-11

Drei waschechte Hippies aus New York erläuterten in Schwabing ihre Philosophie

Abenzeitung

München (Eig. Ber.) — Man forderte sie auf, ihre Philosophie in etwa 100 Worten niederzusehreiben, flog sie von Amerika nach Deutschland und setzte sie vor eine Versammlung, damit sie über die Unterschiede zwischen deutscher und amerikanischer Lebensweise sprechen. „Drei waschechte Hippies“, so frohlockte gestern ein Sprecher einer Münchner Werbeagentur, „sind anläßlich der Eröffnung des Beat-Zentrums Blow Up nach München gekommen. Echtere als sie, das gibt es nicht mehr.“

Brav, wie Abiturienten bei der mündlichen Prüfung, empfingen sie gestern die Münchner Presse: Lew Crampton, ein ehemaliger Harvard-Student und chinesisch-sprechendes Hipp-Oberhaupt einer großen Gemeinde. Mel Lyrnan, der sich zum Oberhaupt einer Sekte gemacht hat, die sich aus „Liebe, harte Arbeit; die Konfrontation mit Problemen und die Aktivität in der Liebe“ spezialisiert hat und Jane Delong, die „immer nach den Männern genannt werden will“. Denn die Aufgabe einer Frau sei es, Schönes zuschaffen. „Kinder, Blumen und Kleider. Aber vor allem Kinder, denn das ist das schönste.“

Lew Crampton hat sich zu ihrem Wortführer gemacht, denn der Halbgott Mel Lyman ißt leise singend einige Dutzend Gabelbissen und Jane Delong lächelt meist amüsiert. Er, Lew, sei der Herausgeber einer Hippie-Zeitung und Organisator des ersten Be-In in Boston. 15 000 bunt kostümierte Menschen hätten sich damals im Franklin-Park-Zoo getroffen um mit sich und den Tieren zu sprechen. Crampton sprach vorzugsweise mit Moschusochsen und Tigern. „Ja, die Tiere verstehen einen. Man muß ihnen sprechen.“

Jane, die hübsche, Jane, die als einzige der drei mit Blumen geschmückt ist, die ein langes Biedermeierkleid und einen Ehering trägt, weiß auch zu fesseln. Sie spricht von der Gemeinschaft, der sie und 60 bis 70 andere Hippies leben. Manche hüten die Kinder, manche arbeiten. Gerade so viel, daß es zum Leben reicht. Aber essen tun sie alle gemeinsam. „Wir haben also, was es in Amerika nicht gibt, lauter gute Nachbarn, eine einzige, große Familie. Und Monogamie. Wenigstens manchmal. Denn der Mann ist sehr wichtig, aber manchmal wechseln die Männer.“

Mel Lyman, unterdessen schweigt, ißt und singt vor sich hin. „Seine Fähigkeit, so berichtet der Dolmetscher, „liegt darin, sich durch die Kunst mitzuteilen. Da ist er groß.“

Rupp Doinet

(Photo caption) Sie sprechen mit Tieren und Münchnern: Von Amerika kamen die Hippies Lew Crampton (links), Jane DeLong und Mel Lyman nach München. Photo: Hans Enzwieser


Mel Lyman